„Feine Sahne Fischfilet“-Sänger Monchi: „Fakt ist: Sender wie NIUS werden für nicht wenige Menschen immer mehr zur ‚einzig ernst zu nehmenden‘ Informationsquelle“
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Ein linker Musiker schreibt das wichtigste Buch des Wahljahres 2026 und sagt über den wachsenden Erfolg von NIUS: „Fakt ist, dass solche Sender und Formate für nicht wenige Menschen in meiner Region immer mehr zur erklärten ‚einzig ernst zu nehmenden‘ Informationsquelle werden.“
Monchi, Frontmann der Band Feine Sahne Fischfilet, beschreibt das Leben „Jenseits der Brandmauer“ im 3000-Einwohner-Dorf Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern, wo bei der letzten Bundestagswahl 54 Prozent der Menschen die AfD wählten. Er habe nicht das hundertste Anti-AfD-Buch schreiben wollen, so Monchi im Nachwort, sondern ein Buch über sein Leben in der ostdeutschen Provinz. Den Medien widmet Monchi, bürgerlich Jan Gorkow, gleich ein ganzes Kapitel:
„Nachdem ich in Diskussionen öfter mal Sätze zu hören bekam wie ‚Schau dir mal Nius an, Monchi, dann siehst du das anders!‘, habe ich mir einige dieser Videos auch mal gegeben. Und wenn man das tut, wird eins schnell deutlich: Unterm Weltuntergang machen es die wenigsten.“
Die andere Sicht auf die Dinge hat den Sänger offenbar nachdenklich gemacht: „Was wird das hier auf lange Sicht? Wenn immer mehr Leute bei solchen Formaten hängenbleiben, nichts anderes mehr konsumieren, alle anderen Medien als ‚Staatsfunk‘ abtun?“

Ein Leben jenseits der Brandmauer ist möglich, wenn man Monchis Buch Glauben schenkt.
„Ich finde es gut, dass sie da sind: Leute, die nicht die gleiche Meinung haben wie wir“
Der 38-jährige Hansa-Rostock-Fan ist ein Macher, hat einen Skatepark ins Leben gerufen, veranstaltet ein Festival, das sich ohne Steuergeld finanziert und sich ausdrücklich an alle richtet:
„Es sind viele dabei, die definitiv die AfD gewählt haben und sie ziemlich sicher auch bei den Landtagswahlen wählen werden. Und ich finde es gut, dass sie da sind: Leute, die nicht die gleiche Meinung haben wie wir.“
Monchi zeigt sich stolz auf die Finanzierung, die ohne Regierungsgelder auskomme:
„Je älter ich werde, desto peinlicher finde ich es, wenn Punkrock-Bands oder Rapper einen auf hart und rebellisch machen, gegen die Bullen und das böse System, und in den Booklets ihrer Alben steht dann irgendwo versteckt: ‚Gefördert von der Initiative Musik‘.“
„Das wäre Realitätsverweigerung“
Monchi schildert nicht das Leben der Großstadt-Matcha-Bourgeoisie, sondern ganz reelles Leben in der Provinz: die sterbende Infrastruktur, wenig hilfreiche Politik-Vorstöße für mehr Bahnfahrten, mangelnde Jugendarbeit, den AfD-Stammtisch, der dort im Wirtshaus stattfindet, an dem sich fast niemand stört.
„Die AfD würde sich vor Lachen in die Hosen machen, wenn wir nicht mehr hingehen würden, nur weil sie da zwei- bis dreimal im Jahr mit ihren dreißig bis vierzig Leuten rumhocken.“
Die Brandmauer sei in vielen Dörfern ohnehin schon längst Geschichte:
„In vielen kleineren Gemeinden, wo die AfD mit im Gemeinderat sitzt, ist es jedoch schon heute so, dass mit ihr wie mit allen anderen Parteien zusammengearbeitet wird. Und ich glaube, dass sich das immer weiter so verfestigen wird. Man kann sich nun auf den Kopf stellen und sagen, dass man das so nicht will. Aber das wäre Realitätsverweigerung, und die kostet Energie.“

Sie machen Polit-Punk: Die Band Feine Sahne Fischfilet lässt sich klar dem linken und antifaschistischen Spektrum zuordnen.
Der rote Faden: die „komplette Abgegessenheit gegenüber den etablierten Parteien“
Ätzen, ausgrenzen, brandmarken – lange haben linke Musiker genau das mit allen gemacht, die ihnen als rechts erschienen. Monchi aber scheint den Austausch zu suchen:
„In den Monaten nach der Bundestagswahl spreche ich immer wieder ganz bewusst Leute an, bei denen ich das Gefühl habe, sie könnten die AfD gewählt haben und würden sie bei den Landtagswahlen wieder wählen. Nicht so, dass ich mich mit den Leuten extra treffen würde, nur alltägliche Situationen. Nebenbei hört man viel mehr raus. Ob nun in Jarmen, in Rostock, in der Kneipe, beim Tanz in den Mai, beim Fußball. Und ich meine diesmal keine Überzeugungsnazis, sondern Leute, die vor ein paar Jahren noch die CDU, die SPD oder sogar die Linke gewählt haben. Die interessieren mich.“
Und, wer sich die Mühe macht, wirklich mit Menschen zu sprechen, merkt auch: Nicht alle AfD-Wähler lassen sich über einen Kamm scheren. So schreibt auch der Feine-Sahne-Fischfilet-Sänger:
„Die meisten, mit denen ich quatsche, sind aber anders. Die einen haben Angst vorm Krieg mit Russland, die anderen haben Angst um die Wirtschaft. Die einen beschäftigt die Energiekrise, die anderen fürchten sich vor sozialem Abstieg (…) Was sich wie ein roter Faden durch fast alle Gespräche zieht, ist die komplette Abgegessenheit gegenüber den etablierten Parteien, von Die Linke bis zur CDU. Keinerlei Vertrauen mehr. Kein Bock auf das ständige Streiten und Klein-Klein.“
„Jetzt ist es eher cool, rechts zu sein“
Monchi erzählt viel aus seiner Jugend, von seinen Demos, auf denen sich Linke und Rechte bekämpften – Zecken gegen Faschos. Es sind gewaltvolle Szenen, bei denen Großstadt-Menschen der Atem stockt. Es wird mit Parolen, Fäusten und Aufklebern gekämpft. Einer wie Monchi lebt dort, wo das Leben der Deutschen stattfindet – nicht dort, wo es verwaltet wird. So registriert der Sänger:
„So, wie es in einigen Regionen Deutschlands bei vielen Jugendlichen eher cool war, links zu sein, ist es jetzt eher cool, rechts zu sein. Jedenfalls bei uns.“
Es gäbe, so Monchi, „eine Menge Kids, die sich von so was wie ,Fridays for Future‘ nicht angezogen fühlen, wo selbst die Eltern applaudieren, wenn ihre Kinder die Schule schwänzen.“

Vielen Linken ist er zu rechts, vielen Rechten zu links: Jan Gorkow alias Monchi
Der Vater einer Tochter weiß, wovon er spricht. Er nimmt am echten Leben teil, anstatt politische Statements zu posten:
„Ich kann auch nicht so tun, als ob ich viele dieser Polit-Instagrammer fühlen würde, die einem im Internet mit großer Fresse die Welt erklären, während man ihnen ansieht, dass sie, sobald sie ihr Handy weglegen und die Haustür aufmachen, wieder durch ihr hippes Szeneviertel flanieren werden. Und bei einigen, die das Wort „Nazi“ sehr locker sitzen haben, frage ich mich tatsächlich: Wie oft laufen Dir richtige Nazis über den Weg?“
Und weiter: „Und wenn mir Instagram-Reels in die Timeline gespült werden, in denen irgendwelche Leute vermummt ’nen Harten machen, am besten noch das ‚Hammer und Sichel‘-Halstuch über die Nase gezogen, obwohl man ihnen sofort ansieht, dass sie eher ‚Fraktion Uni‘ als ‚Sektion Straßenbau‘ sind: Alter Verwalter, da hört es doch irgendwann auf.“
Im Wahljahr 2026 pilgert die Presse wieder besorgt in den Osten, scheinbar besorgt über den Rechtsruck. Für den Sänger und Autor scheint das wie ein medial hochgepushtes Sittenbild von Dörfern, in denen normale Bürger ein normales Leben führen.
„Ab und zu kommen Journalisten nach Jarmen, um vor Ort Interviews mit mir zu führen. Bei einigen von ihnen wurde ich das Gefühl nicht los, dass ihr Herz geradezu höherhüpfen würde, wenn ich ihnen ein paar Schauergeschichten von marodierenden jugendlichen Nazi-Skinhead-Gangs aus Jarmen auftischen würde.“
Über manche Medien weiß Monchi, der sagt, einigen Linken seien seine Ansichten zu unlinks, nichts Gutes zu berichten:
„Es wird so viel darüber gequatscht, wie es so weit kommen konnte. In diesem Landtagswahljahr kann ich mich gefühlt vor all den ‚Wie tickt die Jugend im Osten?‘-Artikeln kaum retten. Und doch steht da selten etwas Neues. Oft liest es sich eher verzweifelt: ‚Wie kann es sein, dass die nicht die gleiche Meinung haben wie ich?‘“
Viele Medienberichte – vor allem über Ostdeutschland – tragen zur Spaltung eher noch bei, als sie abzubauen. Für Monchi scheint klar: Andere Meinungen muss man sich anhören, statt sie vorschnell zu verurteilen:
„Es war und ist für mich bis heute immer wichtig, auch Leute zu haben, die mit mir streiten. Ich glaube, so was bringt menschlich und politisch viel mehr, als sich „anständig“ fühlen zu können.
In der linken Szene ist der Hass auf Polizisten weitverbreitet. Auch Monchi erzählt, er habe als Jugendlicher ein Polizeiauto abgefackelt und sei dafür verurteilt worden. Er habe aber mittlerweile die Liedzeile „Niemand muss mehr Bulle sein“ entfernen lassen, nachdem in Mannheim 2024 ein Islamist einen Polizisten getötet hatte. Er habe „keinen Bock mehr darauf, diese Leute zu entmenschlichen“.
„Wir konnten nicht oft genug sagen, wie scheiße wir Nazis und die AfD finden“
Der neuen Mode von Bands, dem Publikum Wahlempfehlungen zu geben, will sich der Musiker nicht (mehr) anschließen:
„Früher haben wir vor Wahlen ständig ‚Wählt nicht XY‘-Aufrufe rausgehauen. Wir waren ganz vorn dabei, konnten nicht laut genug und nicht oft genug sagen, wie scheiße wir Nazis und die AfD finden.“
Heute hält er sich zurück, so Monchi. Und dann kommt ein ganzes Kapitel, in dem es darum geht, sich vor schlechten Nachrichten und Weltuntergangsstimmung zu schützen. Hier lässt sich der Sänger vor allem über NIUS aus, das ihm von einem Bekannten empfohlen worden sei:
„Für diejenigen, die noch nicht das Vergnügen hatten: ‚NIUS‘ ist ein Onlinemedium mit der Anmutung eines Fernsehsenders.“
„Fakt ist, dass solche Sender für nicht wenige Menschen in meiner Region immer mehr zur erklärten ‚einzig ernst zu nehmenden‘ Informationsquelle werden“
Monchi weiter: „Fakt ist, dass solche Sender und Formate für nicht wenige Menschen in meiner Region immer mehr zur erklärten ‚einzig ernst zu nehmenden‘ Informationsquelle werden. Selbst WELT TV ist manchen schon zu progressiv und regierungsnah.“
Ausgerechnet einer der härtesten Linken hat mit „Jenseits der Brandmauer“ das wichtigste Buch des Wahljahres 2026 geschrieben. Am 20. September wird in Monchis Heimat Mecklenburg-Vorpommern gewählt, auch hier sind Rekordwerte der AfD zu erwarten.
Dazu Monchi: „In diesem Jahr werden ganz sicher auch wieder ohne Ende Fördergelder für ‚demokratische Projekte‘ nach Mecklenburg-Vorpommern gepumpt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass vor lauter Hilflosigkeit jedes Projekt, das auch nur ansatzweise gegen die AfD ist, gefördert wird, nur damit man behaupten kann, alles versucht zu haben.“
Er ist links und versucht doch, mit Andersdenkenden im Gespräch zu bleiben. Monchi selbst, der als Vater einer Tochter von Berlin zurück nach Jarmen gezogen ist, appelliert an seine Leser: „Zieht in Eure Kleinstädte zurück. Zieht in die Dörfer zurück.“
Man mag die Band, die Musik und den Mann ablehnen – aber nach der Lektüre spräche selbst für Konservative nichts dagegen, mit Monchi ein Bier zu trinken. Denn er erklärt, wie Menschen trotz unterschiedlicher Ansichten miteinander klarkommen. Nicht als Linke oder Rechte, sondern als Nation.
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Melanie Grün
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