Wittener Koranleser predigt trotz Geldstrafen weiter im Morgengrauen
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Zum Morgengebet geht es los: Der Wahl-Wittener Amer Ghanem lässt sich seit Jahren nicht davon abhalten, in der Ruhrgebietsstadt aus dem Koran vorzulesen. Lautstark, ob am helllichten Tag oder mitten in der Nacht. Von den Gebeten ist allerdings in Witten nicht jeder so begeistert wie der Hobby-Prediger: Obwohl wegen des Koranlesers schon viele Beschwerden bei den Behörden einliefen, singt Ghanem einfach weiter seine Verse. NIUS trifft ihn in Witten.
Wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist, beginnt bereits die Koran-Tour des Wahl-Witteners Amer Ghanem. Per App wird ihm angezeigt, wann er für Allah beten muss. Ein minutengenauer Zeitplan, der den Tag des Muslims bestimmt.
2015 floh er vor dem Krieg in Syrien und predigt seit 2021 täglich hunderte Seiten aus dem Koran. Mal ist er zu Fuß unterwegs, mal auf dem Fahrrad, gekleidet in langen orientalischen Gewändern – entweder mit Turban oder Palästina-Flagge auf dem Kopf.
Er lässt sich von nichts aufhalten
Was wie ein Fiebertraum aus 1001 schlaflosen Nächten klingt, ist für die Wittener mittlerweile zur Dauerbelastung geworden. NIUS traf den polarisierenden Mann in der Nähe der Obdachlosenunterkunft, in der er zurzeit lebt.
Im Gespräch erzählt er offen, was er über die Ordnungsgelder denkt, die ihm die Stadt Witten aufbrummte: „Das Ordnungsamt ist die Mafia“. Von seinem Auftrag, auch anderen mit seinen öffentlichen Lesungen Kraft durch die religiösen Verse zu schenken, lässt er sich bisher nicht aufhalten.

NIUS trifft Ghanem bei seinen Gebeten am Straßenrand.
Polizei: „Es gestaltet sich schwierig“
Selbst der Polizei sind die Hände gebunden. Mehrfach seien bei den Behörden Beschwerden über den Mann eingegangen. Aber: Solange von dem Mann keine Gefährdung ausgeht, seien den Beamten die Hände gebunden. Selbstverständlich versuche man zwar, hier eine angemessene Lösung zu finden, aber: „Dies gestaltet sich aber im vorliegenden Fall sehr schwierig“, so die Polizei.
Einen anderen Plan für die Zukunft abseits der Lesungen hat Ghanem nicht. Er möchte weiter aus dem heiligen islamischen Buch lesen – ob morgens, mittags, abends oder nachts. Fraglich nur, wie lange Stadt und Anwohner seine Ausflüge noch dulden werden.
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Eric Steinberg
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