Warum Deutschland wieder Kernkraft braucht
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Deutschland hat die höchsten Strompreise auf der Welt. Für Privatverbraucher sowieso, aber auch beim Industriestrom. Nirgendwo ist der Strom für Betriebe und Fabriken, für Rechenzentren, Pharmaunternehmen, Halbleiterfabriken oder die Batterieproduktion so teuer wie in Deutschland. So kostet z. B. eine Kilowattstunde Industriestrom in Deutschland 16,70 Cent, in Kanada dagegen nur 3,5 Cent. Gleichzeitig ist die deutsche Wirtschaft seit 2019 praktisch nicht mehr gewachsen. Zwischen diesen beiden Fakten besteht ein Zusammenhang: Die deutsche Wirtschaft wächst auch deshalb nicht mehr, weil ihre Energiekosten höher sind als in jedem anderen Land auf der Welt.
Der Hauptgrund dafür ist das Vorantreiben erneuerbarer Energien, insbesondere aus Windkraft und Sonnenenergie. Während der sogenannten „Dunkelflauten“, wenn also die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, wird zu wenig erneuerbarer Strom produziert. Also müssen die alten Kraftwerke wieder ran: Gas- und Kohlekraftwerke, die den Strom produzieren, den Wind, Wasser und Sonne nicht liefern. Brennt hingegen die Sonne wochenlang vom Himmel, fällt aus dichten Wolken Regen und drehen Stürme die Windräder bis zum Motorbrand, dann wird zu viel Strom aus erneuerbaren Energien produziert, den das Netz nicht mehr aufnehmen kann, weshalb abgeregelt werden muss.
Dieses ewige Hin und Her zwischen Strom aus Photovoltaik und Windkraft, wenn das Wetter passt, und Strom aus den Kohle- und Gas-Ersatzkraftwerken, wenn das Wetter nicht passt, ist exorbitant teuer und – neben Netzentgelten und Steuern – einer der wesentlichen Gründe für die hohen Strompreise und Deutschlands ausbleibendes Wachstum.

Erneuerbare Energiequellen wie Windparks gelten als unzuverlässig.
Das grüne Stromziel wird zur Wohlstandsfrage
Nun soll aber der Ausbau der erneuerbaren Energien in Zukunft noch deutlich beschleunigt werden. Beträgt der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch heute 57 Prozent, soll er bis 2030 auf mindestens 80 Prozent steigen – und das ist kein grünes Wunsch-Szenario, das steht so in § 1 des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Immer mehr Strom soll mit Wasser, Wind und Sonne produziert und in die Netze eingespeist werden. Das wird die Strompreise weiter in die Höhe treiben. Vielleicht so weit, bis wir keine energieintensiven Industrien wie Chemie, Stahl und Zement in Deutschland mehr haben. Deshalb ist sehr ernsthaft zu fragen, ob durch die Dekarbonisierung der Wirtschaft, wie man die Umstellung auf immer mehr erneuerbare Energien auch nennt, Wirtschaft, Wohlstand und Wachstum vollständig den Bach runtergehen. Oder ob es einen Energiemix gibt, der auch in Zukunft wenigstens ein Überleben – von einem Ausbau spricht ohnehin kein Mensch mehr – von Wirtschaft, Industrie und Wohlstand ermöglicht.
Die wesentliche Frage lautet hier also nicht: Kann man 80 Prozent erneuerbaren Strom erzeugen? Mengenmäßig ist das grundsätzlich möglich. Viel wichtiger ist die ökonomische Frage: Was kostet private Verbraucher und Industrie der Strom, wenn 80 Prozent der Stromversorgung aus erneuerbaren Energien stammen? Aus Energien also, deren Erzeugung ständig fluktuiert und die deshalb ein leistungsfähiges Stromnetz, Energiespeicher und regelbare Ersatzkraftwerke benötigen, die jederzeit einspringen und eine sichere Stromversorgung gewährleisten. Oder andersherum: Wird Deutschland noch eine nennenswerte Industrie haben, wenn 80 Prozent des Stroms mit Wasser, Wind und Sonne erzeugt werden und der Strom so teuer und seine Netzversorgung so unzuverlässig sein wird, dass sich eine Produktion in Deutschland ökonomisch verbietet?
Um das herauszufinden, genügt es nicht, nur die Erzeugungskosten von Wind- und Solaranlagen zu betrachten – entscheidend sind die Kosten des gesamten Stromsystems. Dazu gehören neben den eigentlichen Kosten der Stromerzeugung auch die Kosten für den Ausbau der Stromnetze, den Bau von riesigen Batteriespeichern, die Erzeugung von Strom aus Wasserstoff, jederzeit verfügbare Reservekraftwerke sowie Stromimporte und -exporte. Die Tatsache, dass der Wind gratis weht und die Sonne kostenlos scheint, bedeutet nämlich überhaupt nicht, dass allein deshalb der Strom für Verbraucher bezahlbar und für die Industrie günstig ist.

Ein Schaubild aus der Studie
Vier Szenarien für Deutschlands Strom-Zukunft
Diese Frage haben sich Wissenschaftler des Global Energy Solutions e. V. in Ulm gestellt und dann vier Szenarien durchgerechnet, mit denen sie zeigen wollen, wie teuer welcher Energiemix zukünftig für Verbraucher und Industrie sein wird. Diese vier Szenarien sind:
Erstens: 80 Prozent Erneuerbare mit Erdgas als Reserve: Wind- und Solarenergie werden gemäß Gesetz stark ausgebaut. Wenn diese nicht genügend Strom liefern, schließen Gaskraftwerke und Stromimporte die Lücke.
Zweitens: 80 Prozent Erneuerbare mit weniger Erdgas: Wind und Solar werden genauso stark ausgebaut. Diesmal soll aber möglichst wenig Erdgas eingesetzt werden, weshalb Stromüberschüsse stärker zur Herstellung von Wasserstoff genutzt, gespeichert und bei Bedarf wieder in Strom („Rückverstromung“) zurückverwandelt werden sollen.
Drittens: 100 Prozent Erneuerbare: Kohle- und Gaskraftwerke werden sämtlich abgeschaltet, der Strom kommt ausschließlich aus erneuerbaren Energien. Weil Wind und Sonne nie zu hundert Prozent den Strombedarf liefern, müssen entsprechend mehr Wind- und Solaranlagen sowie Wasserstoffspeicher und Wasserstoffkraftwerke gebaut werden; Stromimporte bleiben weiter möglich.
Viertens: technologieoffenes Szenario: Anders als im geltenden Gesetz, das 80 Prozent erneuerbare Energien ab 2030 vorschreibt, wird in diesem Szenario kein bestimmter Anteil von Wind- und Solarenergie mehr vorgeschrieben. Im Modell wurde frei berechnet, mit welchem Mix sich eine weitgehend klimaneutrale und jederzeit sichere Stromversorgung am günstigsten erreichen lässt. Dabei sind neben Wind und Solar auch moderne Gaskraftwerke mit CO2-Abscheidung, aber auch die Kernkraft zugelassen.
Hoher Kernkraftanteil drückt den Strompreis
Die Ergebnisse der Studie lassen sich auf einen einfachen Punkt bringen: Je größer der Anteil von Wind- und Solarstrom, desto höher die Kosten des gesamten Stromsystems. Dabei sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Szenarien gewaltig: Gegenüber dem heutigen Vergleichswert würden die Kosten des Stromsystems bei 80 Prozent Erneuerbaren um rund 40 bis 50 Prozent steigen. Bei einer vollständig erneuerbaren Stromversorgung würden sie sich sogar mehr als verdoppeln. Andererseits wäre das technologieoffene Szenario mit einem hohen Kernkraftanteil nach den Berechnungen der Ulmer Wissenschaftler günstiger als das heutige System.
Um die Ergebnisse zu veranschaulichen, haben die Autoren der Studie die Ergebnisse ihrer Szenario-Rechnungen mit dem Referenzjahr 2022 verglichen. Das bedeutet: Die unter den einzelnen Szenarien berechneten Strompreise werden alle mit dem Strompreis des Jahres 2022 verglichen. Damit wird gezeigt, um wie viel teurer oder günstiger der Strompreis ist, je nachdem, welches Szenario zum Tragen käme.
Bei einem privaten Haushalt mit beispielsweise 3.500 kWh Jahresverbrauch würden sich die Stromkosten pro Jahr gegenüber dem Referenzjahr 2022 bei 80 Prozent Erneuerbaren mit Gas (Szenario 1) um 196 Euro erhöhen, bei 80 Prozent Erneuerbaren mit mehr Wasserstoff (Szenario 2) um 249 Euro und bei 100 Prozent Erneuerbaren (Szenario 3) um 630 Euro. Im technologieoffenen Szenario mit Kernkraft (Szenario 4) wären es dagegen rund 56 Euro weniger pro Jahr.
In der Industrie wird der Kostenunterschied gewaltig
Mit Ausnahme der Kernkraft-Variante sind all das Horrorszenarien. In Handwerk und Industrie würde die Situation aber noch viel schlimmer ausfallen: Bei einem größeren Metallbaubetrieb mit 200 Mitarbeitern und einem angenommenen Jahresstromverbrauch von 1,5 Millionen Kilowattstunden ergäben sich allein aus den unterschiedlichen Stromsystemkosten gegenüber dem Referenzsystem rechnerisch rund 84.000 Euro Mehrkosten pro Jahr im ersten 80-Prozent-Szenario (Szenario 1), rund 106.500 Euro im zweiten (Szenario 2) und sogar 270.000 Euro bei einer vollständig erneuerbaren Stromversorgung (Szenario 3). Im technologieoffenen Szenario mit Kernkraft (Szenario 4) wären es dagegen rund 24.000 Euro weniger.

Die Industrie benötigt bezahlbare Energie.
Es muss jedem klar sein, dass eine Stromversorgung Deutschlands, bei der 80 Prozent oder gar mehr aus erneuerbaren Energien stammen, die Privathaushalte arm machen und Handwerk, Industrie und insbesondere den Mittelstand, der seine Produktion nicht einfach ins Ausland verlagern kann, ruinieren würde.
Kernkraft bleibt politisch unerwünscht
Bleibt am Schluss noch zu fragen: Welches der vier Szenarien aus der GES-Studie könnte zukünftig zum Tragen kommen? Die Antwort: Szenario 1 mit 80 Prozent Erneuerbaren plus Gaskraftwerken als Absicherung entspricht der gegenwärtigen deutschen Energiepolitik am ehesten. Die 80-Prozent-Marke für 2030 steht weiterhin im EEG; und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hält hartnäckig am Ausbau der Erneuerbaren gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz fest, auch wenn selbst ihr klar ist, dass das nur mit einem massiven Ausbau der Ersatzkraftwerke auf Basis von Erdgas funktionieren wird. Aber selbst dieses halbwegs realistische Szenario ist ausgesprochen ambitioniert: Gegenüber 2022 müssten die Kapazitäten der Photovoltaikanlagen auf mehr als das Fünffache, die der Windkraftanlagen an Land auf mehr als das Dreieinhalbfache und die der Offshore-Windkraftanlagen auf das Zehnfache steigen.
Die drei anderen Szenarien sind aus unterschiedlichen Gründen vollkommen unrealistisch. Auch wenn sich Pragmatiker im ganzen Land eine Rückkehr zur Kernkraft wünschen, erscheint diese aus heutiger Sicht politisch ausgeschlossen, aufgrund verlorener technischer Kompetenz nicht mehr machbar und durch immer neue Sicherheitsvorschriften unbezahlbar. Die beiden anderen Szenarien mit 80 Prozent Erneuerbaren mit Wasserstoffrückverstromung statt Erdgas und insbesondere das absurde 100-Prozent-Erneuerbare-Energien-Szenario sind utopische Denkspiele, die mit der Realität nichts zu schaffen haben.
Aber selbst wenn Szenario 1 (80 Prozent Erneuerbare mit Erdgas als Reserve) erst in zehn oder fünfzehn Jahren zum Tragen käme, ist damit nichts gewonnen. Denn eines steht heute bereits fest: Die Stromkosten für private Haushalte werden sich in den nächsten Jahren von Jahr zu Jahr erhöhen und in Industrie und Gewerbe so hoch werden, dass die aktuelle Pleitenwelle noch lange weitergehen und jeder Industriebetrieb, der nur irgend kann, ins Ausland abwandern wird. In Summe wird dies zu einem sehr spürbaren Wohlstandsverlust für alle bis auf die Allervermögendsten führen.
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Markus Brandstetter
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